DAS PROJEKT
 

Die 2015-Ziele

Was heißt "Armutsbekämpfung"?

Absolute Armut wird in den Statistiken - insbesondere der Weltbank - meist über das Einkommen definiert. Danach leben gegenwärtig etwa 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Armut, d.h. von einem Einkommen von weniger als einem US-Dollar pro Tag (in lokaler Kaufkraftparität). Die Zahl absolut Armer hat sich seit Anfang der 80er Jahre mehr als verdoppelt. Doch sowohl in absoluten Zahlen als auch im Verhältnis zur Weltbevölkerung zeichnet sich ein Umbruch ab. Während die Zahl der Armen weltweit bis in die 90er Jahre hinein anstieg, sind der Anteil der Armen und die absolute Zahl der Armen seither rückläufig. Allerdings ist dabei die Entwicklung in China von erheblicher Bedeutung. Wird China aus der Statistik herausgenommen, ist zwar der Anteil der absolut Armen weiterhin rückläufig, die absolute Zahl der Armen steigt jedoch von 890 Mio. (1987) über 954 Mio. (1993) auf 991 Mio. (1998).

Wie Arme den Zustand von Armut erleben, hat eine umfassende Studie der Weltbank im Jahr 2000 dokumentiert ("Voices of the poor"; www.worldbank.org/poverty/voices/). Über 60.000 Arme wurden befragt. Danach ist für Arme ein gutes Leben bzw. Wohlbefinden auf mehreren Ebenen angesiedelt, zu denen die materielle, aber auch die psychische Ebene gehören. Zum Wohlbefinden gehört danach z.B. gute Gesundheit und Ernährung, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, Sicherheit, die Freiheit zu selbstbestimmtem Leben, ein verlässlicher Lebensunterhalt bzw. ein regelmäßiges Einkommen, aber auch eine generelle Zufriedenheit.

Armut als Gegenteil von gutem Leben oder Wohlbefinden wird von den Armen beschrieben als Mangel an materiellen Dingen (insbesondere Lebensmittel), aber auch Mangel an Arbeit, Geld, Wohnung und Kleidung. Dazu kommt das Leben in einer ungesunden, verschmutzten, gefährlichen und häufig von Gewalt geprägten Umgebung. Zu einem solchen, als schlechtes Leben empfundenen Zustand, gehören vielfach auch negative und deprimierende Gefühle. Die Wahrnehmung von Machtlosigkeit und der fehlenden Möglichkeit, die eigenen Interessen überhaupt nur zu artikulieren, sind ebenso Elemente von Armut wie tägliche existentielle Sorgen oder die Angst vor der Zukunft.

Armutsbekämpfung kann durch Entwicklungszusammenarbeit lediglich unterstützt werden, bleibt aber in erster Linie Aufgabe der Regierungen und Bevölkerungen der von extremer Armut betroffenen Länder selbst. Über den Stand und die Fortschritte der dortigen nationalen Strategien zur Armutsbekämpfung (Poverty Reduction Strategy Papers/ PRSP) informiert Sie ein Internetportal im Rahmen des VENRO-Projekts 2015: www.prsp-watch.de


Die 2015-Ziele

Seit Mitte der 90er Jahre ist das Ziel einer umfassenden Armutsbekämpfung erneut ins Zentrum der internationalen entwicklungspolitischen Debatte gerückt. In Annahme der Vorschläge des Entwicklungsausschusses (Development Assistance Committee/ DAC) der OECD von 1996 ("Shaping the 21st Century"), des UN-Welternährungsgipfels 1996 sowie des "Kopenhagen+5-Gipfels" im Sommer 2000 in Genf (www.un.org/esa/socdev/wssd/index.html) verpflichteten sich die auf der UN-Generalversammlung im September 2000 ("Millenniumsgipfel"; www.un.org/millennium/summit.htm) zusammengekommenen Regierungen dazu, die extreme Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren und bis dahin weitere, klar definierte Ziele zur Förderung sozialer und ökologisch nachhaltiger Entwicklung zu verfolgen. Die acht Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen lauten:

  • Ziel 1: Beseitigung der extremen Armut und des Hungers
  • Ziel 2: Verwirklichung der allgemeinen Primärschuldildung
  • Ziel 3: Förderung der Gleichheit der Geschlechter und Ermächtigung der Frauen
  • Ziel 4: Senkung der Kindersterblichkeit
  • Ziel 5: Verbesserung der Gesundheit von Müttern
  • Ziel 6: Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Krankheiten
  • Ziel 7: Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit
  • Ziel 8: Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft

Der Beitrag der Industriestaaten

MDG Nr. 8 "Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft" umreißt die Verantwortung der Industriestaaten speziell in den Bereichen Entwicklungsfinanzierung und Entschuldung sowie der Durchsetzung eines entwicklungsgerechten Welthandelssystems. Seit Ende 2003 hat eine Reihe von Regierungen (Dänemark, Niederlande) damit begonnen, erste Fortschrittsberichte zur Umsetzung von MDG Nr. 8 (und Nr. 7) vorzulegen.

Die deutsche Bundesregierung hat bereits Anfang April 2001 ihr "Aktionsprogramm 2015 - Der Beitrag der Bundesregierung zur weltweiten Halbierung extremer Armut" vorgelegt (www.aktionsprogramm2015.de). Es definiert Armutsbekämpfung als wichtigen Bestandteil der gesamten Regierungspolitik und "überwölbende Aufgabe" der Entwicklungspolitik. Dabei wird - im Sinne des Weltentwicklungsberichts 2000/2001 der Weltbank (www.worldbank.org/poverty/wdrpoverty/) - ein erweiterter Armutsbegriff zugrunde gelegt, der auf der Verbesserung der wirtschaftlichen Möglichkeiten für die Armen (opportunity), Stärkung ihrer politischen Teilnahme (empowerment) und Schaffung sozialer Sicherheit (security) beruht.
Im Juni 2002 hat die Bundesregierung einen ersten Zwischenbericht
über den Stand der Umsetzung des Aktionsprogramms 2015 vorgelegt. Der zweite Bericht folgte im März 2004.

Die Weiterentwicklung und Präzisierung der 2015-Ziele

Kurz nach Verabschiedung des Aktionsprogramms durch die Bundesregierung legte im Mai 2001 auch der Entwicklungsausschuss der OECD ausführliche DAC-Leitlinien zur Armutsbekämpfung (http://www.oecd.org/dataoecd/18/19/1849018.pdf) vor, die die Umsetzung der 2015-Ziele befördern sollten. Prinzipien dieser Leitlinien sind unter anderem: Armut wird als multidimensionales Phänomen definiert; Armutsbekämpfung verlangt einen kohärenten Politikansatz (einschließlich z.B. Maßnahmen der Handelspolitik, der Umweltpolitik u. a.); Wachstum ist nötig, muss aber den Armen dienen (pro-poor-growth); Armutsbekämpfung ist nur durch einen breiten gesellschaftlichen Prozess zu leisten (notwendig: Partizipation/Demokratische Beteiligung); die Geber müssen sich besser koordinieren.

Die exakte Definition der MDGs und ihrer Unterziele erfolgte in einem 59-seitigen Bericht mit dem Titel "Road map towards the implementation of the United Nations Millennium Declaration" (www.un.org/documents/ga/docs/56/a56326.pdf), den der UN-Generalsekretär am 19. September 2001 präsentierte. Neben den 8 Hauptzielen wurden 18 Unterziele sowie 48 Indikatoren festgelegt, an denen sich die Umsetzung der Millenniums-Ziele messen lassen soll.


NRO-Beiträge zur Umsetzung der MDGs

VENRO hat bereits in den Jahren 1999/2000 in der Europaratskampagne "Globalisierung ohne Armut" auf die dringende Notwendigkeit eines stärkeren Engagements für die weltweite Armutsbekämpfung hingewiesen. Im Rahmen dieser Kampagne wurden z.B. eine Argumentationsbroschüre und eine Handreichung für den Unterricht, die sich speziell an Lehrerinnen und Lehrer der Klassen 9-13 richtet, erstellt.
Im Herbst 2001 hat VENRO das Projekt "Perspektive 2015 - Armutsbekämpfung braucht Beteiligung" gestartet, das voraussichtlich bis Ende 2006 laufen wird (nähere Informationen unter "Das VENRO-Projekt").

Seit Herbst 2003 haben sich in verschiedenen Ländern (Großbritannien, Irland, Italien, Österreich, USA, u.a.) Zusammenschlüsse von NGOs gebildet, die ihre Regierungen zu einem größeren Engagement für die MDGs drängen wollen.

Im September 2004 haben sich in Johannesburg Vertreter unterschiedlichster Organisationen auf einen weltweiten Aufruf zur Bekämpfung der Armut, dem "Global Call To Action Against Poverty (GCAP)" geeinigt, der v.a. von den Industriestaaten mehr Engagement für MDG Nr. 8 (Entwicklungsfinanzierung, Entschuldung und Handelsgerechtigkeit) verlangt. Die im VENRO zusammengeschlossenen deutschen Nichtregierungsorganisationen haben im Dezember 2004 mit der Resolution "Wort halten - Mehr deutsches Engagement für die Millenniumsentwicklungsziele!" den Beitritt zum Global Call erklärt (weitere Informationen zum deutschen NRO-Beitrag befinden sich auf der Aktionswebsite unter: www.weltweite-aktion-gegen-armut.de).