2015 aktuell 01/2012

Inhalt:

  1. Agrarministertreffen in Berlin
  2. Doha-Runde vor dem Aus?
  3. Neue Bewegung bei Finanztransaktionssteuer
  4. Schwellen- und Entwicklungsländer von illegalen Finanzabflüssen betroffen
  5. Entwicklungsagenda nach 2015
  6. Wem nutzt der Rohstoffreichtum?
  7. Neue Fair Trade-Studie
  8. Zulieferbetriebe: Einhaltung sozialer Standards nicht gesichert
  9. Entwicklungspolitik in der öffentlichen Meinung und im Parlament

kurz notiert

1. Agrarministertreffen in Berlin

Zum Abschluss des Internationalen Agrarministertreffens am 21. Januar in Berlin haben sich Landwirtschaftsministerinnen und –minister aus 64 Staaten auf neue Strategien und eine engere Zusammenarbeit im Kampf gegen den Hunger verständigt. Die teilnehmenden Länder bekennen sich im Abschlusskommuniqué zu einem verstärkten Schutz knapper Ressourcen und einer Landwirtschaft, die sich konsequent an den Prinzipien der Nachhaltigkeit ausrichtet. Die Landwirtschaft sei „ein Schlüsselfaktor der Green Economy“ und von entscheidender Bedeutung für die Armutsbekämpfung, heißt es in der Erklärung. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner betonte zum Abschluss des Treffens: “Die Landwirtschaft muss sich weltweit in Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes und der Produktivität großen Herausforderungen stellen“. Ohne eine nachhaltige und produktive Land- und Ernährungswirtschaft wird der Kampf gegen den Hunger nicht zu gewinnen sein, so Aigner. Vorrangig sei, dass vor allem den Kleinbauern Investitionen ermöglicht werden und sie in allen Staaten sicheren Zugang zu Land und Wasser erhalten. „Die Landwirte brauchen überall auf der Welt Rechtssicherheit und Verlässlichkeit. Entscheidend ist auch, dass wir internationale Leitlinien implementieren, die den verantwortungsvollen Umgang mit den Böden regeln“, betonte die Ministerin. Weitere Schwerpunkte sollten die Förderung und der Schutz der Rechte von Frauen und die drastische Verringerung der Verluste und Verschwendung von Nahrungsmitteln sein.
Die Ergebnisse des Berliner Agrarministergipfels sollen auch in die UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung im Juni 2012 in Rio de Janeiro einfließen.

Im Vorfeld des Agrargipfels warnte Oxfam vor zunehmenden Hungerkrisen und Verteilungskonflikten um Land und Wasser. Oxfam forderte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gipfels auf, weltweit ein nachhaltiges Land- und Wassermanagement zu fördern und Beratungsdienste für Kleinbauern und –bäuerinnen massiv auszubauen. Als größte Bedrohung betrachtet Oxfam den Verlust der Bodenqualität. „Die Verbesserung der Bodenqualität zahlt sich dreifach aus: Sie verbessert die Ernährungssituation, fördert die Wasserspeicherfähigkeit und hilft Treibhausgase zu reduzieren“, erklärte Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale.

Unter dem Motto „Wir haben es satt! Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ haben am 21. Januar rund 23.000 Menschen in Berlin demonstriert. Die mehr als 90 Entwicklungs-, Umwelt-, Bauern- und Verbraucherschutzorganisationen, die zu dieser Veranstaltung aufgerufen hatten, fordern eine Wende in der Agrarpolitik hin zu einer bäuerlich-nachhaltigen Landwirtschaft sowie ein Ende der Nahrungsmittelspekulationen. Nur ein Systemwechsel in der Landwirtschaft könne Verbraucherschutz gewährleisten, die Herausforderungen des Klimaschutzes, die Bekämpfung von Hunger und des Artenrückgangs bewältigen, so die Veranstalter. Die bevorstehende Reform der EU-Agrarpolitik biete einmal mehr die Chance diesen Systemwechsel einzuleiten.

2. Doha-Runde vor dem Aus?

© flickr/WTO

Anlässlich der achten Ministerkonferenz, die im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) vom 15. bis 17. Dezember in Genf stattfand, erklärten NRO-Vertreter die Doha-Runde für klinisch tot. Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) kritisierte die WTO, die ihre zentrale Funktion als Motor eines freien Welthandels zu verlieren scheint. „Die wirklich entscheidenden Fragen hat sie sich in Genf gar nicht gestellt“, so Michael Frein, Welthandelsexperte des EED in Bonn. „Die WTO müsste endlich ein zukunftsorientiertes, multilaterales Handelssystem entwerfen. Es sollte sicherstellen, dass handelspolitische Verpflichtungen der notwendigen ökologischen und sozialen Regulierung der Märkte nicht im Wege stehen. Ein solches Modell müsse gleichzeitig den Entwicklungsländern Exporte als Element ihrer Entwicklungsstrategie ermöglichen.

Germanwatch hatte im Vorfeld der Ministerkonferenz einen Neustart in der internationalen Handelspolitik gefordert. Tobias Reichert, Germanwatch-Teamleiter für Welternährung, Landnutzung und Handel erklärte: „Die Mitglieder der Doha-Runde sollten einsehen, dass sie gescheitert sind. Ihr Geburtsfehler war, dass ihr Mandat vor allem auf Liberalisierung und nicht auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer zugeschnitten war.“ Anstelle eines multi- oder plurilateralen Ansatzes zur weiteren Liberalisierung fordert Germanwatch eine offene Debatte darüber, wie ein internationales Handelssystem aussehen muss. „Darin müssen sich die neuen Herausforderungen widerspiegeln, vor denen wir stehen: Die Herausforderungen des Klimawandels, der steigenden Lebensmittelpreise und Ressourcenknappheit.“

In einem gemeinsamen Hintergrundpapier zur Konferenz analysieren Tobias Reichert und Michael Frein die Gründe für das Scheitern der Doha-Runde. Freihandel und Marktzugang führen ihrer Einschätzung nach nicht per se zu mehr Entwicklung, sondern haben vielmehr eine negative Wirkung für viele Entwicklungsländer.

3. Neue Bewegung bei Finanztransaktionssteuer

© flickr/Jeff_Belmonte

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy haben sich zu Jahresbeginn erstmals dafür ausgesprochen, eine Finanztransaktionssteuer (FTT) notfalls auch nur in der Eurozone einzuführen, falls die Einführung einer gesamteuropäischen Steuer aufgrund des Widerstands von Großbritannien nicht möglich sei. Während Nichtregierungsorganisationen (NRO) sich erfreut über den Vorstoß äußerten, führte er in der deutschen Regierungskoalition zu Auseinandersetzungen. Die FDP spricht sich gegen die Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen aus, Wirtschaftsminister Philip Rösler brachte aber alternativ eine Börsenumsatzsteuer nach dem Vorbild der britischen Stempelsteuer ins Gespräch. Die globale Einführung einer Finanztransaktionssteuer war  zuletzt im November 2011 beim G20-Gipfel im französischen Cannes am Widerstand großer Schwellenländer gescheitert. Im Dezember 2011 war daraufhin auch der Vorschlag der Europäischen Kommission zur Einführung einer FTT auf der Ebene der EU erfolglos. Großbritannien legte ein Veto ein, weil es Einbußen an Europas größtem Finanzplatz, der Londoner City, befürchtet.

Das Bündnis Steuer gegen Armut begrüßte Merkels Bereitschaft, die FTT auch in der Eurozone einzuführen. „Das deutsch-französische Tandem bringt damit neuen Schwung in die Steuer-Debatte und macht endlich Tempo“, erklärte Peter Wahl (WEED) für das Bündnis. Es werde höchste Zeit, dass der Finanzsektor durch die Steuer endlich an den Kosten der Krise beteiligt wird. Mit Unverständnis reagiert das Bündnis auf die Ablehnung einer Eurozonen-Finanztransaktionssteuer durch Merkels liberalen Koalitionspartner. Angesichts der Tatsache, dass mehr als drei Viertel der Bundesbevölkerung die Steuer unterstützen, sei die Blockadehaltung der FDP zum Scheitern verurteilt. Bundeskanzlerin Merkel müsse gegenüber dem Koalitionspartner nun Führungsstärke zeigen. Bei der Verwendung der Mittel solle sie sich ein Beispiel an Frankreich nehmen. „Angela Merkel hat wiederholt angedeutet, dass die Steuereinnahmen für weltweite Armutsbekämpfung und Klimaschutz verwendet werden könnten, so wie es auch Frankreich angekündigt hat. Die Bundesregierung muss sich jetzt klar und politisch verbindlich für solch eine gerechte Verwendung der Einnahmen aussprechen“, so Tobias Hauschild von Oxfam Deutschland.

Auch das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR stärkte der Kanzlerin den Rücken für die Umsetzung der FTT. „Wir sehen das als wichtigen Schritt nach vorne“, erklärte MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Josef Sayer. Die Finanzkrise habe deutlich gemacht, dass den wenigen großen Gewinnern auf den Finanzmärkten sehr viele Verlierer gegenüber stehen. Dabei handele es sich um die Steuerzahler in Europa ebenso wie um die armen Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern. Es wäre deshalb ein Skandal, wenn wir vor den Herausforderungen der globalisierten Finanzmärkte zurückweichen, weil wir der Blockadepolitik derjenigen nachgeben, die an den bestehenden Systemfehlern prächtig verdienen. Die Frage der Verwendung der Steuereinnahmen dürfe in der Debatte allerdings nicht aus dem Fokus geraten: Frankreich wolle die Einnahmen aus der FTT für Entwicklungszusammenarbeit, internationale Armutsbekämpfung und den Klimaschutz verwenden. Diesem Beispiel sollte Deutschland auf jeden Fall folgen.

4. Schwellen- und Entwicklungsländer von illegalen Finanzabflüssen betroffen

Entwicklungsländer haben im Jahr 2009 über 900 Milliarden US-Dollar durch illegale Mittelabflüsse verloren. Ursache dafür waren neben Kriminalität unter anderem Korruption und Steuervermeidung. Auch wenn die Summen in den Vorjahren noch deutlich höher waren, ist der Rückgang nicht auf regulierende Maßnahmen von Regierungen zurückzuführen, sondern allein auf die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Insgesamt beträgt der Betrag, den Entwicklungsländer zwischen 2000 und 2009 durch illegale Mittelabflüsse verloren haben, 8,44 Billionen US-Dollar. Diese Zahlen veröffentlichte die US-amerikanische NRO Global Financial Integrity Ende 2011 in ihrem Bericht “Illicit Financial Flows from Developing Countries Over the Decade Ending 2009”. Die Länder, die im Untersuchungszeitraum am stärksten unter den illegalen Finanzabflüssen litten, sind China, Russland, Mexiko, Saudi-Arabien, Malaysia, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Nigeria, Venezuela und Katar.

5. Entwicklungsagenda nach 2015

Anfang Januar hat das britische Overseas Development Institute (ODI) eine Studie zum aktuellen Stand der Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele (MDG) herausgegeben, in dem das Institut auch Strategien für die Formulierung eines globalen entwicklungspolitischen Abkommens für die Zeit nach 2015 entwickelt. Laut der Studie „After 2015 – Context, politics and processes for a post-2015 global agreement on development“ konnten in den letzten Jahren wichtige Weichen zur weltweiten Bekämpfung von Armut gestellt werden. Für das Rahmenwerk ab dem Jahr 2015 sei es nun wichtig, dass effektive und politisch umsetzbare Ansätze formuliert werden, um den Stimmen der Armen Gehör zu verleihen.

Global gesehen, konnten Fortschritte in fast allen Bereichen der MDG verzeichnet werden. Der Prozentsatz der Menschen, die weltweit von weniger als 1,25 US Dollar leben müssen, ist von 42 Prozent im Jahr 1990 auf 25 Prozent im Jahr 2005 zurückgegangen. Solche Erfolge sind allerdings nicht global gleich verteilt. Beispielsweise geht der Rückgang weltweiter Einkommensarmut vor allem auf die positive wirtschaftliche Entwicklung Chinas zurück, die einen starken Einfluss auf den globalen Durchschnitt nimmt. Im Gegensatz dazu ist in den Ländern Afrikas südlich der Sahara die Anzahl der absolut Armen seit 1990 von 300 Millionen auf fast 400 Millionen angestiegen.

Ein neues globales Entwicklungsabkommen sollte deshalb auf einer gründlichen Analyse der vielschichtigen Hintergründe und Bedeutungen von Armut aufbauen. Ungleichheiten und Vulnerabilität müssen dabei eine zentrale Rolle spielen. Gerade die Beteiligung von Menschen aus dem globalen Süden sollte laut der Studie bei der Entwicklung von weltweiten Zielformulierungen für Entwicklung beachtet werden. In der Zeit nach 2015 könnten so neue soziale Bewegungen entstehen, die auf wirtschaftliche und umweltpolitische Krisen reagieren und aufgrund moderner Technologien sowie der immer besser ausgebildeten jungen Bevölkerung von Entwicklungsländern globale Ausmaße annehmen könnten.

Die Studie weist darauf hin, dass sich die Prozesse zur Ausgestaltung einer neuen Entwicklungsagenda in den kommenden Monaten und Jahren noch ausweiten und verändern werden. Sie könnten einerseits an den bestehenden Zielen anknüpfen und diese um ein neues Rahmenwerk mit neuen Instrumenten erweitern, andererseits könnten auch zusätzliche Forderungen – zum Beispiel bezüglich Wachstums- und Umweltfragen – in ein globales Abkommen aufgenommen werden. Bis 2013 sollten jedoch bereits konkrete Vorschläge und Forderungen aus der Zivilgesellschaft entwickelt worden sein, um den Neugestaltungsprozess zu beschleunigen.

6. Wem nutzt der Rohstoffreichtum?

Viele der ärmsten Staaten der Welt sind eigentlich reich an Rohstoffen. Oft wirtschaften sich jedoch kleine Gruppen und Eliten mit dem Handel von Rohstoffen in die eigene Tasche, während der Großteil der Bevölkerung unter Armut leidet. Das SÜDWIND-Institut hat eine Studie zur Bedeutung des Rohstoffreichtums für die Förderländer des Südens veröffentlicht. Der Bericht „Wem nutzt der Rohstoffreichtum?“ untersucht die internen und externen Faktoren, die dem „Fluch“ der Rohstoffe zugrunde liegen, betont aber zugleich, dass ein hohes Rohstoffvorkommen durchaus wichtige Entwicklungsimpulse setzen kann.

Maßgebend dafür, dass aus dem Fluch ein Segen wird, ist ein kohärenter Politikansatz, der nicht nur in den Regierungen der Förderländer, sondern auch innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft umgesetzt wird. Aus diesem Grund untersucht die SÜDWIND-Studie insbesondere die Rohstoffstrategien der Bundesregierung und der Europäischen Union (EU). Um Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung vorzubeugen, ist der Studie zufolge eine stärkere entwicklungspolitische Kohärenz erforderlich. Nur dann können sich Unternehmen durch Rohstoffförderung in den Ländern selbst engagieren. Denn gerade Verstöße gegen die Menschenrechte bleiben auf Unternehmerseite in der Regel ungestraft. Umgekehrt sind die Interessen der Unternehmen über Investitionsschutzabkommen weitgehend geschützt, weshalb sich diese nicht an grundlegende Sozial- und Umweltstandards halten müssen.

„Dadurch fallen leider allzu oft die Interessen der Entwicklungsländer unter den Tisch“, so Irene Knoke, Autorin der Studie und Expertin für Entwicklungsfragen bei SÜDWIND. Um dem entgegenzuwirken, muss weltweit der gleichberechtigte Zugang zu Rohstoffen gewährleistet sein und das Hauptaugenmerk auf der Etablierung eines globalen Ressourcenmanagements liegen. „Darüber hinaus darf die globale Rohstoffdiplomatie nicht vor der verbindlichen und einklagbaren Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards seitens der Unternehmen halt machen“, so Knoke weiter. Die Bestimmungen etwa der OECD sind zwar bindende Empfehlungen an die Unternehmen aus den Mitgliedsstaaten, was bislang fehlt, ist jedoch ein funktionierender Sanktionsmechanismus.

7. Neue Fair Trade-Studie

Die Literatur zum Fairen Handel wird von einer neuen und sehr grundlegenden Studie bereichert. Sie stellt das Fair Trade-Konzept im Rahmen der Außenhandelstheorien dar, ordnet es in das Paradigma der nachhaltigen Entwicklung ein und analysiert Entwicklungslinien sowie Wirkungen des Fairen Handels. Dabei wird sowohl auf positive wie negative Effekte eingegangen. Das Buch „Fair Trade“ von Michael von Hauff und Katja Claus will Aufschluss darüber geben, ob Konzept und Praxis des Fairen Handels für die Produzenten in Entwicklungsländern vorteilhafter sind als andere Handelskonzepte. Insgesamt kommen Autor und Autorin zu einem positiven Befund, benennen aber auch Herausforderungen und Verbesserungspotenziale.

8. Zulieferbetriebe: Einhaltung sozialer Standards nicht gesichert

© UN Photo/Kibae Park

Die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken der Zulieferer von Aldi, Lidl und KiK sind nach wie vor von Verletzungen der Arbeitsrechte gekennzeichnet. Zu diesem Ergebnis kam eine von der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) Anfang Januar veröffentlichte Studie. Bereits seit fünf Jahren setzt sich die CCC dafür ein, dass die Discounter gegen die Arbeitsrechtsverletzungen ihrer Zulieferbetriebe in Bangladesch, China, Indien und anderen Billiglohnländern vorgehen. Seitdem hat sich jedoch nur wenig getan. Auch die jüngste Untersuchung hat ergeben, dass in den zehn untersuchten Textilfabriken in Bangladesch noch immer unbezahlte Überstunden verlangt werden, die Mehrheit der Näherinnen und Näher keinen Arbeitsvertrag besitzen und sich nicht gewerkschaftlich organisieren können. Zudem werden Frauen in den betroffenen Betrieben häufig diskriminiert, verbal bedroht und sogar sexuell missbraucht.
   
„Das Sündenregister der Discounter ist skandalös. Die von ihnen eingeleiteten Schritte führen nicht zu einer wirklichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen der NäherInnen, Aldi, Lidl und KiK hängen sich ein Sozialmäntelchen um“, so Sandra Dusch Silva, Referentin der CCC-Trägerorganisation Christliche Initiative Romero. 2007 schlossen sich Lidl und Aldi der Business Social Compliance Initiative (BSCI) an, die die Einhaltung sozialer Standards in allen Zuliefererländern gewährleisten soll. Unabhängige Kontrollen des Kodexes sind jedoch nicht verpflichtend. Deshalb kann laut Studie nicht von einem wirklichen Engagement zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gesprochen werden.

Der Lohn der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Zulieferbetrieben liegt zwischen 27 und 51 Euro im Monat und macht somit lediglich ein Prozent des Verkaufspreises in den Discountern aus. Gisela Burckhardt, Vorstandsmitglied von FEMNET, einer weiteren Trägerorganisation der CCC, kritisiert: „Aldi, Lidl und KiK kommen ihrer vom UN-Menschenrechtsrat im Juni 2011 geforderten Sorgfaltspflicht in ihrer Lieferkette nicht nach. Auch die Bundesregierung muss ihrer staatlichen Schutzpflicht endlich nachkommen und Unternehmen verpflichten, regelmäßig Informationen offen zu legen.“

9. Entwicklungspolitik in der öffentlichen Meinung und im Parlament

Entwicklungspolitische Themen haben sowohl in der öffentlichen Meinung als auch bei politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern einen hohen Stellenwert. Eine Mehrheit der Bevölkerung und die Mehrzahl der Abgeordneten des Deutschen Bundestags befürwortet ein stärkeres entwicklungspolitisches Engagement Deutschlands. Dies sind die zentralen Ergebnisse von vier repräsentativen Meinungsumfragen in der Bevölkerung sowie einer Umfrage unter Abgeordneten des Deutschen Bundestags, die die Meinungsforschungsinstitute TNS Infratest und TNS Emnid im Auftrag von VENRO in den Jahren 2007 bis 2011 durchgeführt haben. Die Publikation „Großes Interesse, große Herausforderungen – Entwicklungspolitik in der öffentlichen Meinung und im Parlament“, die soeben als Heft 20 in der Reihe „2015 im Gespräch“ erschienen ist, wertet diese Umfragen aus und zieht daraus Schlussfolgerungen für die Bildungs-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit von entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (NRO).

Ein zentrales Thema aller Umfragen war die Bekanntheit und Unterstützung der Millenniumsentwicklungsziele (MDG). Etwa die Hälfte aller Befragten bei den repräsentativen Bevölkerungsumfragen hatte schon einmal etwas von den MDG gehört, allerdings konnten nur rund zehn Prozent ein oder mehrere MDG konkret benennen. Von den 92 befragten Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen betrachten rund die Hälfte die MDG für ihre politische Arbeit als „wichtig“ oder „sehr wichtig“. 75 Prozent der Abgeordneten sind der Ansicht, dass Deutschland für die Erreichung der MDG „mehr tun sollte“. Die Ergebnisse der Umfragen geben wichtige Hinweise für entwicklungspolitische NRO, um durch gezielte Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, kreative Aktionen und fundierte Positionsvermittlung den gesellschaftlichen Stellenwert von Entwicklungspolitik und weltweiter Armutsbekämpfung zu erhöhen.

Kurz notiert

Die Welthungerhilfe und der ZEIT-Verlag haben die Bildungsinitiative „Face Hunger“ gestartet. Um junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren für aktuelle Themen wie Hunger, Lebensmittelverschwendung und nachhaltige Entwicklung zu sensibilisieren, wurden Unterrichtsmaterialien erstellt und eine Internetseite eingerichtet, die unter anderem zu Mitmachaktionen und der Unterzeichnung von Petitionen aufruft.

In Kooperation mit der United Nations Development Group hat die Online-Datenbank DevInfo ein Tool erstellt, welches Entwicklungsindikatoren darstellt und anhand von Grafiken oder Tabellen miteinander vergleicht. Die in „MDGInfo 2011“ enthaltenen Länderstatistiken reichen vom Jahr 1990 bis 2011 und sollen es den Nutzern der Datenbank erleichtern, MDG-Monitorings durchzuführen.

Die Afrikanische Entwicklungsbank hat in Zusammenarbeit mit dem Wissensportal Knoema die Online-Plattform „Open Data for Africa“ entwickelt. Den Nutzern des Portals ist es möglich, qualitative Datensätze zu den Ländern Afrikas einzusehen und zu visualisieren, eigene Grafiken und Tabellen zu erstellen und diese zu kommentieren und zu diskutieren.

Die internationale Organisation „Inter-Parliamentary Union“ hat 188 nationale Parlamente auf ihren Frauenanteil miteinander verglichen. Die Daten sind sowohl nach Ländern als auch Regionen geordnet und beinhalten zudem weltweite und regionale Durchschnittswerte. An der Spitze des Rankings befindet sich Ruanda, Deutschland liegt auf Platz 19.

Am 27. Januar findet im Schweizer Davos die Preisverleihung des „Public Eye Awards“ für die schlimmsten Fälle von Missachtung der Umwelt und der Menschenrechte durch Unternehmen statt. Es wird sowohl einen Jury- als auch einen Publikumspreis geben, über dessen Empfänger noch bis zum 26. Januar abgestimmt werden kann. Nominiert sind die Unternehmen Barclays (UK), Freeport McMoran (USA), Samsung (Südkorea), Tepco (Japan), Vale (Brasilien) und Syngenta (Schweiz).